Andreas Stötzner
Über Klassik
Reflexionen über Bauen und Gestalten
Passage-Verlag Leipzig 1999

Nachwort

Die in diesem Bändchen publizierten Texte Andreas Stötzners sind der Extrakt intensiven Nachdenkens über das Ziel von Gestaltungsprozessen. In prägnanten, aphoristisch reduzierten Formulierungen hat der Autor jene Gedanken und Maximen, Beobachtungen und Wertungen festgehalten, die ihm als Basis für eigene Gestaltungslösungen dienen. Durch das konzentrierte Nebeneinander von Anschauung und Reflexion entstand eine Kette von Assoziationen, die in der hier vorgestellten Auswahl auf Fragen der Gestaltung allgemein und der Gestaltung von Architektur im besonderen Bezug nimmt. Die parafierten Schlußfolgerungen sind dabei als Gesamtheit zu betrachten, erschließen sich vor allem in ihrem Miteinander und bleiben gleichwohl offen für ein Weiterdenken, ein Weiterbauen von Gedankengängen.

Ein Ziel der theoretischen Beschäftigung mit Methoden und Kriterien der Gestaltung in der angewandten Kunst und der Architektur ist es, wesentliche Voraussetzungen für das Schöpfen beständiger Werte zu formulieren. Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Sinne wird dabei unabdingbar verknüpft mit Nachhaltigkeit im ästhetischen Sinne. Im Ergebnis dieser Verknüpfung entsteht Schönheit durch Differenziertheit, Deutlichkeit und Ausgewogenheit. Interessant erscheint auch die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Wertung von Bauten der Moderne und ästhetischen Präferenzen, denen viele Menschen tatsächlich nachgehen. Führende Architekturtheoretiker, wie John Summerson, David Watkin oder Vittorio Magnago Lampugnani, plädieren ausdrücklich für eine Neubesinnung auf dauerhaft Wertvolles und sehen in der Hinwendung zu bestimmten traditionellen Tugenden des Bauens einen gangbaren Ausweg aus der heutigen Krise in Fragen der Gestaltung. Lampugnani folgert konsequent: »Die neue Ästhetik ist eine Ästhetik der Festigkeit, der Nüchternheit. Eine andere kann sich unsere Epoche nicht erlauben.«

Ausgangspunkt für Stötzners Überlegungen ist das konsequente Bezugnehmen heutiger Gestaltung auf zwei wesentliche Quellen. Zuerst die Natur mit ihrem unerschöpflichen Formenvorrat und ihrer gewachsenen, wie selbstverständlich nachvollziehbaren Ordnung. Und als zweites das kulturhistorisch Überlieferte + ohne das der Autor hier den Plattheiten des Historismus, Manierismus oder Eklektizismus das Wort redete. So ist ihm das griechisch-römisch-italienische Erbe die konkreteste und höchste Verwirklichung des klassischen Ideals, das weitreichende zeitübergreifende Allgemeingeltung erlangt hat. Der hier vertretene Klassizismusbegriff kann allzuschnell in die Irre führen, denn er ist nicht als stilistische Kategorie oder gar als Zeitbegriff anzusehen. Stötzner ist ganz im Gegenteil das »Klassische« das eigentlich Zeitlose - und er ergänzt: »Das Zeitlose ist in jedem Moment das Brisanteste«. Die knappe wie treffende Formulierung des Architekten Léon Krier ergänzt diese grundsätzlichen Feststellungen mit der Definition: »Classicism is not a style, it’s a sensibility«. Und eben diese Sensibilität begegnet uns zunehmend seltener und scheint mancherorts völlig abhandengekommen zu sein. Umso wichtiger scheint es, substantiellen »Klassizismus« dieser Prägung klar zu trennen von postmodernen Spielereien. Schlichtheit entsteht durch eine behutsame, eine subtile Abstraktion, die sich an den Bedürfnissen orientiert + nicht durch plumpes Weglassen. Solcherart Kondensiertes wird zum Inbegriff werden und somit jederzeit lesbar und lebbar, alles in allem eine Anregung zum Nachdenken sein.

Der Diskurs um die Neubestimmung und revidierte Wertung des Begriffs »Klassizismus« ist seit geraumer Zeit im Gange. »Klassizismus« soll nicht als entlehnte stilistische Pracht, sondern vielmehr als Ordnungs- und Begriffslehre des Bauens aufgefaßt werden (Demetri Porphyrios). Polarisierend und deshalb anschaulich beschreibt auch Léon Krier die fortgesetzte Gültigkeit klassischer Gestaltungsideale: »Zu behaupten, die klassischen Prinzipien wären durch die industrielle Technologie überholt, ist nicht weniger absurd, als zu verkünden, Brot wäre etwas Altmodisches.«, was bei Stötzner seine Entsprechung findet in der Sequenz: »Klassisches altert nicht«.

Stötzners Sätze und Grundsätze bilden in der Zusammenschau ein Denkmodell, das das Einfühlungsvermögen für das Klassische beim Gestalten und beim Betrachten von Gestaltetem zum zentralen Element, ja zur eigentlichen Voraussetzung dafür macht, zeitlos Gültiges zu schaffen und solches zu schätzen.

Tilo Richter

 

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